Für Psychologinnen und Psychologen sowie Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten ist Burnout nicht ausschließlich eine Frage des persönlichen Wohlbefindens – es wird zu einem ethischen Problem, wenn es die klinische Handlungsfähigkeit beeinträchtigt, die therapeutische Wirksamkeit reduziert und das Risiko einer Schädigung von Klientinnen und Klienten erhöht.
Bei Psychologinnen und Psychologen sowie Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten steht Burnout in Zusammenhang mit psychischen und kognitiven Beeinträchtigungen, die sich unmittelbar auf die therapeutische Arbeit auswirken.
Forschungsergebnisse zeigen, dass Burnout die klinische Urteilsfähigkeit beeinträchtigen, die emotionale Einstimmung und Empathiefähigkeit verringern, Aufmerksamkeit und Informationsverarbeitung erschweren sowie die Regulation professioneller Grenzen schwächen kann (Maslach & Leiter, 2016; Delgadillo et al., 2018).
Daher bleibt Burnout nicht ausschließlich ein inneres Erleben der Therapeutin oder des Therapeuten – es verändert den therapeutischen Prozess selbst.
Burnout verringert die Fähigkeit von Therapeutinnen und Therapeuten:
Auch wenn Therapiesitzungen weiterhin wie geplant stattfinden, kann die Qualität der therapeutischen Beteiligung und Beziehungsgestaltung erheblich abnehmen.
Risiko einer Schädigung
Ethische Rahmenwerke betonen, dass Schädigung nicht nur durch offensichtliche Fehler entsteht. Sie umfasst auch:
Diese subtilen Formen der Beeinträchtigung können sich negativ auf Behandlungsergebnisse und die Sicherheit von Klientinnen und Klienten auswirken.
Ethische Pflichtverletzungen
Burnout erhöht die Wahrscheinlichkeit von:
Wichtig ist, dass diese Pflichtverletzungen häufig unbeabsichtigt auftreten. Sie entstehen meist infolge eingeschränkter beruflicher Kapazitäten und nicht aufgrund vorsätzlichen Fehlverhaltens.
Klinische Indikatoren für ein ethisches Risiko
Eine frühzeitige Erkennung ist entscheidend, da ethische Risiken häufig bereits entstehen, bevor ein deutlich erkennbares Burnout festgestellt wird.
Emotionale Erschöpfung
● Gefühl von Erschöpfung oder Ausgebranntsein vor oder während therapeutischer Sitzungen
● Verringerte emotionale Verfügbarkeit
● Zunehmende Reizbarkeit oder Frustration
Distanzierung gegenüber Klientinnen und Klienten
● Verringerte Empathie oder emotionale Reaktionsfähigkeit
● Wahrnehmung von Klientinnen und Klienten eher als Aufgaben statt als individuelle Personen
● Vermeidung komplexer oder besonders anspruchsvoller Fälle
Kognitive Erschöpfung
● Schwierigkeiten, sich zu konzentrieren
● Verlangsamte Entscheidungsfindung
● Erhöhte Wahrscheinlichkeit für das Übersehen wichtiger Aspekte oder für Fehler
Fall 1: Überschreitung professioneller Grenzen aufgrund von Überlastung
Eine Therapeutin oder ein Therapeut, die bzw. der unter anhaltendem Arbeitsdruck steht, beginnt, Sitzungen unregelmäßig zu verlängern, auf Nachrichten von Klientinnen und Klienten außerhalb der vereinbarten Zeiten zu antworten und professionelle Grenzen zunehmend zu verwischen.
Analyse:
● Verringerte Selbstregulation aufgrund von Erschöpfung
● Schwierigkeiten, konsistente Grenzen aufrechtzuerhalten
● Erhöhtes Risiko für Abhängigkeit und Rollenkonfusion
Ethisches Risiko: Verletzung professioneller Grenzen aufgrund eingeschränkter beruflicher Kapazität
Fall 2: Übersehene Warnsignale in der Therapie
Eine Therapeutin oder ein Therapeut, die bzw. der unter kognitiver Erschöpfung leidet, übersieht subtile Hinweise auf eine Verschlechterung des Zustands einer Klientin oder eines Klienten (z. B. zunehmender Rückzug oder indirekte Hinweise auf psychische Belastung).
Analyse
Ethisches Risiko: Versäumnis, eine angemessene Versorgung und den notwendigen Schutz sicherzustellen
Ethische Risiken im Zusammenhang mit Burnout lassen sich häufig am wirksamsten durch frühzeitige externe Unterstützung bearbeiten.
Die Rahmenwerke der Europäischen Föderation der Psychologenvereinigungen (EFPA) und der Europäischen Vereinigung für Psychotherapie (EAP) betonen, dass Therapeutinnen und Therapeuten:
Supervision spielt eine zentrale Rolle bei:
Das Unterlassen von Maßnahmen trotz früher Warnzeichen kann die Wahrscheinlichkeit einer Schädigung erhöhen und eine Verletzung beruflicher Verantwortung darstellen.
● Welche frühen Anzeichen einer Beeinträchtigung übersehen Sie am leichtesten?
● Ab welchem Punkt würden Sie Ihre eigene berufliche Funktionsfähigkeit als ethisch beeinträchtigt betrachten?
● Was könnte Sie davon abhalten, Maßnahmen zu ergreifen – und wie würden Sie damit umgehen?